Helft Lisa
zurück ins Leben ...

Ein Interview mit meinen Eltern über die akute Zeit meiner Sepsis und die ersten Wochen danach, veröffentlich in dem aktuellen Infoheft der Sepsishilfe (sepsis-hilfe.org).

Rainer: Die Nachricht, dass unsere 24-jährige Tochter erkrankt war, wurde uns an einem Sonntag, nachts um 3 Uhr, von einem Polizeibeamten überbracht. Als ich dann mit der Ärztin auf der Intensivstation telefonierte und das Stichwort Sepsis fiel, konnte ich den Begriff überhaupt nicht einordnen. Aber die Aussage, dass wir möglichst sofort losfahren sollten, machte mir klar, dass unsere Tochter ernstlich erkrankt war.

Astrid: Auf der Fahrt ins Krankenhaus sprachen wir recht wenig. Jeder versuchte für sich, die Situation irgendwie zu begreifen. Im Geiste habe ich mir schon ausgemalt, wie wohl die Beerdigung ablaufen würde und was wohl im Sinne unserer Tochter sein würde. Nie zuvor hatten wir mit ihr darüber gesprochen. Ich hatte Angst, endgültige Entscheidungen für sie treffen zu müssen, wie z. B. das Abschalten der Apparate, die sie gerade am Leben erhielten.

Rainer: Nach einer vierstündigen Fahrt endlich im Krankenhaus angekommen, wurden wir von der Ärztin kurz aufgeklärt. Aber begriffen hatte ich bis dahin wenig. Dass unsere Tochter im künstlichen Koma lag, machte uns deutlich, dass die Erkrankung lebensbedrohlich war. Der Anblick war trotz Vorbereitung schon erschreckend, da sie durch die Behandlung sehr aufgedunsen war. Da habe ich erst einmal gebetet.



Astrid: Im Laufe des Tages kamen dann unsere anderen Kinder trotz der Entfernung vorbei, was uns sehr geholfen hat. Es folgten weitere Gespräche mit Ärzten, die uns weitere Informationen über die Behandlung gaben. Der erste Blick beim Betreten des Krankenzimmers wanderte zu den Vitalwerten und wurde zur traurigen Routine. Unseren vierjährigen Sohn nahmen unsere erwachsenen Kinder mit, um ihn für ein paar Tage zu betreuen, damit mein Mann und ich uns gegenseitig stützen konnten.

Rainer: Die erste Nacht war geprägt von Unterbrechungen, in denen ich ständig auf mein Handy schauen musste. Aber wir waren froh, dass kein Anruf aus dem Krankenhaus kam, der wohl sicherlich nichts Gutes bedeutet hätte. Dies prägte auch die nächsten Nächte. Der Montag begann mit einer Verschlechterung des Zustands unserer Tochter. Wir wurden darauf hingewiesen, dass durch die Erhöhung der Medikation das Risiko des Verlustes von Gliedmaßen immer größer wurde. Aber wir spürten, dass unsere Tochter in sehr guten Händen war, und vertrauten den Ärzten. Als sich am Montagabend die ersten Verbesserungen der Vitalwerte zeigten, kam vorsichtiger Optimismus auf.

Astrid: Das Schlimmste für mich an dieser Situation war, nichts tun zu können. Wir konnten nur am Bett stehen, unsere Tochter streicheln, mit ihr reden, ohne zu wissen, ob sie überhaupt etwas davon mitbekam.

Rainer: Am Dienstag ging es unserer Tochter langsam besser, aber es blieb kritisch. Wir mussten zustimmen, dass die Milz entfernt wird. Eine ungewohnte Entscheidung über den Kopf einer volljährigen Tochter hinweg. Ich musste dann nach Hause fahren, um mich um unseren kleinen Sohn zu kümmern. Innerlich spürte ich eine gewisse Zuversicht.

Astrid: Nachdem die nächsten Tage von einer langsamen Verbesserung geprägt waren, wurde am 5. Tag das Narkosemittel reduziert, um das künstliche Koma zu beenden. Damit kam die Sorge auf, ob und wie unsere Tochter überhaupt wieder wach werden oder ob sie im Koma verbleiben würde. Umso erleichterter waren wir, als sie uns am 6. Tag ansah. Da sie aufgrund der Beatmung nicht sprechen konnte, war eine Verständigung noch nicht möglich, aber wir hatten einen großen Schritt gemacht. Der zweite Schritt war, dass aus dem Blasenkatheter Urin kam. Ich habe mich noch nie so sehr über den Anblick von Urin gefreut, aber es bedeutete, dass die Nieren ihre Funktion wieder aufnehmen würden und unserer Tochter die Dialyse erspart bleiben würde.


 

Rainer: Am 7. Tag konnte Lisa dann endlich sprechen und wir konnten uns austauschen. Jetzt waren wir dankbar, wie schnell der Genesungsprozess verlief. Dafür begann nun der Kampf um Hände und Füße. Dass ein Ohr taub war, bedeutete zu diesem Zeitpunkt nicht viel. Hauptsache überlebt. Die zweite Woche war ausgefüllt mit der ersten Hand-OP, da durch die enormen Wassereinlagerungen die Nerven so stark geschädigt waren dass sie gelähmt war. Durch die verringerte Durchblutung der Füße verfärbten sich diese. Die Entscheidung, in welchem Krankenhaus die Weiterbehandlung durchgeführt werden sollte, musste gefällt werden, damit Lisa auch Besuch von ihren Freunden bekommen konnte. Es war nicht einfach, OP-Kapazitäten im Ruhrgebiet zu bekommen, was uns dann aber gelang.

 

Astrid: Jetzt zeigte es sich, dass es gut war, dass ich tagsüber bei unserer Tochter war, um gemeinsam mit Lisa zu planen. Parallel zu den ersten Genesungsschritten konnte ich jetzt auch endlich Aufgaben für meine Tochter übernehmen: Essen und Trinken anreichen, Zähne putzen, eincremen, Haare waschen und bürsten u. ä. So konnte ich das Personal auf der Intensivstation gut unterstützen und wir wurden ein richtig gutes Team miteinander

Rainer: Durch die Verlegung ins Ruhrgebiet änderte sich für mich wenig, außer dass sich der Weg ins Krankenhaus von vier auf eine Stunde verringert hatte. Durch die Telefonate mit meiner Frau wurde mir klar, wie wichtig es war, dass ich mich allein um unseren fünfjährigen Sohn kümmerte, damit meine Frau permanent für unsere Tochter da sein konnte. Trotzdem kam ich als alleinerziehender Vater oft an meine Grenzen. Die Besuche im Krankenhaus waren für unseren Sohn belastend, weil er seine Mutter immer nur kurz sah. Seine Frage, ob seine Mama überhaupt nochmal nach Hause komme, zeigte, wie sich die Situation auf ihn auswirkte. Mich hat es belastet, meine an beiden Unterschenkeln frisch amputierte Tochter zu sehen, weil mir das bewusst machte, wie einschneidend die dauerhaften Einschränkungen durch die Sepsis waren.

Astrid: Die Zeit war nun sehr intensiv, weil ich im Zimmer bei meiner Tochter schlief. Für sie war es eine sehr große Hilfe, dass ich rund um die Uhr da sein konnte und nicht alle Handreichungen vom Pflegepersonal übernommen werden mussten. Für mich bedeutete diese Zeit, intensiv an allen Prozessen der Veränderung und Genesung unserer Tochter teilhaben zu können und wichtige Gespräche zu führen, zu denen sie mental und emotional nicht in der Lage war. Es bedeutete aber auch, keinen Rückzugsraum und keinen wirklichen Ausgleich für mich zu haben. Ich funktionierte so lange, wie ich musste. Erst nach meiner Rückkehr nach Hause merkte ich, wie kaputt ich war und was jetzt alles nicht mehr funktionierte.

Rainer: Die Rückkehr meiner Frau nach neun Wochen bedeutete zwar eine Erleichterung, aber es brauchte Zeit, bis sich die Beziehung zwischen unserem kleineren Sohn und ihr wieder einspielte. Erst ein Kurzurlaub brachte etwas Normalisierung. Aufgrund der extremen Belastung beantragten wir eine Mutter/Vater-Kind-Kur, die wir dankenswerterweise parallel zur Reha unserer erkrankten Tochter wahrnehmen durften. Trotzdem spüren wir die Auswirkungen der extrem belastenden Zeit bis heute, auch wenn wir die schnellen Fortschritte unserer Tochter dankbar annehmen können.

 




 
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