Helft Lisa
zurück ins Leben ...

An dieser Stelle möchte ich  einige persönliche Gedanken und Gefühle mit euch teilen. Dafür beantworte ich einige Fragen, die ich immer mal wieder gestellt bekomme.


Kannst du dich an die Zeit im Koma erinnern?

Nein, während ich im Koma lag, habe ich nichts von dem, was um mich herum passiert ist, mitbekommen. Und darüber bin ich auch sehr froh. Ich denke, es gab viele Gespräche zwischen den Ärzten und Schwestern an meinem Bett, die ich nicht hätte hören wollen.

 

Was hast du gedacht, als du wieder aufgewacht bist?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, da ich sehr viele Medikamente bekommen habe und aufgrund dessen viele Erinnerungslücken habe. Was ich aber noch weiß ist, dass die erste Person, die ich gesehen habe, meine Mutter war und in dem Moment wusste, dass alles gut wird. Ich konnte nicht sprechen, da ich noch künstlich beatmet wurde. Es war also sehr schwierig, mich mitzuteilen. Ich wollte schließlich wissen was passiert ist. Wir haben es mit Lippenlesen versucht, was allerdings nur bedingt funktioniert hat. Den Rest meines Körpers konnte ich gar nicht bewegen, sodass ich mich nicht mit „Händen und Füßen“ mitteilen konnte.

 

Hattest du Angst vor den Amputationen?

Ich denke, jeder der das Gegenteil behauptet, lügt. Schließlich bedeutet eine Amputation eine große Veränderung am eigenen Körper und im Alltag. Ich bin aber sehr froh darüber gewesen, dass mir die Unterschenkel erst nach ein paar Wochen amputiert wurden. So hatte ich Zeit, mich seelisch darauf vorzubereiten, bzw. hatte ich die Chance, mich von meinen Füßen zu verabschieden.

Das klingt vielleicht etwas merkwürdig, hat mir die Situation jedoch erleichtert. Während einer letzten Untersuchung vor der ersten OP hatte ich noch einmal die Gelegenheit, meine Füße zu sehen. Vorher habe ich diesen Anblick gemieden, ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass meine Füße nicht mehr zu retten sind. Doch an diesem Tag habe ich sie mir bewusst angesehen und mir wurde klar, dass ich mit diesen Füßen nie wieder laufen werde. Zudem fing ich an mich zu ekeln, da sie fast komplett schwarz waren. Von daher war ich tatsächlich erleichtert, als sie daraufhin amputiert wurden.

 

Haben die Ärzte vielleicht Fehler gemacht, ohne die es nicht zu den Amputationen gekommen wäre?

Auch diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Zuerst aber möchte ich sagen, dass ich den Ärzten keine Schuld gebe! Im Krankenhaus haben sie alles dafür getan, dass ich überleben werde. Und dafür bin ich unendlich dankbar! Nicht jeder bekommt eine zweite Chance, und meine Überlebenschance lag gerade mal bei 1%!

Das einzige Problem, was ich sehe, ist die schlechte Aufklärung über das Thema Sepsis. Viele Ärzte haben kaum Infos zu den Symptomen. Außerdem gibt es keine guten Tests, bzw. dauern die alle viel zu lange. Deshalb haben viele keine Chance, überhaupt zu überleben oder ohne größere Schäden davonzukommen.

 

Wie war die ganze Situation für deine Familie?

Wenn ich daran denke, wie sehr meine Eltern und Geschwister gelitten haben, während es so schlecht um mich stand, kommen mir immer wieder die Tränen. Nachdem ich ins Koma gelegt werden musste, wurden meine Eltern von der Polizei mitten in der Nacht aus dem Bett geschmissen und haben sich sofort auf den Weg nach Hamburg gemacht. Im Laufe des Tages kamen meine Geschwister dazu. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie sich gefühlt haben müssen. Auch die folgenden Wochen waren sehr schwer. Meine Mutter ist bei mir geblieben für fast neun Wochen, meine Geschwister und mein Vater haben mich zwischendurch immer wieder besucht. Meine Erkrankung hat die ganze Familie auf eine harte Probe gestellt, und jeder musste sehen, dass er das alles verarbeiten kann. Mittlerweile ist unser Zusammenhalt so groß wie nie zuvor – und das ist ein großes Geschenk! Ich weiß, ich kann immer auf sie zählen, das gibt mir große Sicherheit.

Ich hätte nicht in ihrer Haut stecken wollen, und auch nicht tauschen wollen. Da lebe ich jetzt lieber mit den Folgen. Irgendwie verrückt, oder?


Hast du viele „Freunde“ verloren?

Ich kann nur sagen, dass ich wirklich großartige Freunde habe! So viele von ihnen haben mir Unterstützung angeboten und Aktionen gestartet, um mir irgendwie helfen zu können. Und da ich mittlerweile weitestgehend locker mit der Situation umgehe, meinen Humor nicht verloren habe und meine Lebensfreude größer ist als sie es vorher war, behandeln sie mich auch „normal“ und bemitleiden mich nicht oder verhalten sich anders mir gegenüber als sie es sonst getan haben.

Trotzdem habe ich zu einigen auch keinen Kontakt mehr, was aber normal ist, wenn man monatelang in Krankhäusern ist, den Wohnort wechselt und seinen alten Job nicht mehr ausüben kann. Und ja, es gibt auch Menschen, die damit nicht so gut umgehen können. Dafür habe ich Verständnis. Ich finde es zwar schade, dass aufgrund der Folgeschäden sich der ein oder andere abgewandt hat, aber ich fokussiere mich auf die Freunde, die mich so akzeptieren wie ich bin. Ich bin immer noch ich, nur etwas kürzer 😉


 Hast du Phantomschmerzen?

Die ersten zwei Wochen nach den Amputationen hatte ich sehr starke Schmerzen im Bereich der Füße und im Teil der Beine, der nicht mehr da ist. Jeden Abend lag ich weinend und teilweise schreiend im Bett, da der Schmerz nicht auszuhalten war. Da das Limit an Schmerzmitteln schon längst erreicht war, musste ich die Schmerzen aushalten. Die Ärzte konnten mir lediglich Tabletten zur Beruhigung geben, damit ich einschlafen konnte trotz der Phantomschmerzen.

Nachdem ich die Prothesen bekommen habe und diese jeden Tag ein kleines bisschen länger getragen habe, wurden die Phantomschmerzen langsam weniger. Nach ein paar Wochen war es mehr ein starkes, schmerzhaftes Kribbeln (ähnlich wie wenn die Füße einschlafen, nur viel stärker). Daran habe ich mich tatsächlich mehr oder weniger gewöhnt.

Je aktiver ich wurde und je länger ich auf den Beinen war, desto weniger wurde auch dieses Kribbeln. Nach ein paar Monaten habe ich dies kaum noch wahrgenommen. Ab und zu fühlt es sich mal so an, als ob mir jemand mit einem Messer o.ä. in einen Fuß sticht, dieser Schmerz ist aber nach ein paar Sekunden wieder verflogen.

 

 Wirst du oft angestarrt?

Anfangs hatte ich das Gefühl, jeder starrt mich an. Deshalb habe ich immer versucht, die Prothesen zu verstecken. Im Urlaub im März war es allerdings so warm, dass ich keine langen Sachen mehr tragen wollte. Auch wenn es mich viel Überwindung gekostet hat, habe ich in der Zeit wieder kurze Hosen und Kleider getragen.

Natürlich haben viele Leute geguckt, aber es war meistens kein Starren, sondern eher ein „zur Kenntnis nehmen“. Und ich wurde zum ersten Mal darauf angesprochen, Leute haben angefangen, nachzufragen. Das hat mir mit der Zeit den Mut gegeben, mehr darüber zu reden.

Im Sommer habe ich immer Shorts, Röcke oder Kleider getragen, und es wurde mir mehr und mehr egal, ob jemand da ein Problem mithaben könnte oder nicht. Die Prothesen sind nun mal jetzt ein Teil von mir. Ich bin dankbar, dass es sowas gibt, denn sonst säße ich jetzt im Rollstuhl. Wenn jemand das nicht sehen will, muss er/sie eben woanders hingucken 😉

Es wird immer Leute geben, die noch nie jemanden mit Prothesen gesehen haben und es interessant finden und deshalb starren, oder aus Mitleid. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Menschen den Mut hätten, mich einfach darauf anzusprechen, anstatt zu starren. Aber ich muss an dieser Stelle auch ehrlich sagen – ich hätte wahrscheinlich diesen Mut auch nicht!

 

Was hat sich in deinem Leben verändert durch die Sepsis?

Tatsächlich hat sich gar nicht so viel geändert. Klar, das erste Jahr war sehr anstrengend, und ich konnte lange viele Dinge nicht machen, die ich gerne machen wollte.

Aber nach einigen Monaten habe ich kaum noch Einschränkungen bemerkt. Besonders die letzte OP der Hand im März 2020 hat viel bewirkt, seitdem kann ich die rechte Hand wieder mehr einsetzen und mittlerweile sogar wieder damit schreiben! Das hat Ende 2019 keiner für möglich gehalten, ich wahrscheinlich am allerwenigsten.

Seit Januar 2020 mache ich wieder Sport im Fitnessstudio (bis auf die Lockdown-Phasen natürlich) und besonders seit Juli 2020 fühle ich mich auch dort nur noch sehr wenig eingeschränkt.

Seit Mai 2020 fahre ich wieder Auto – und das ganz ohne Umbau! Und seit Juni 2020 wohne ich wieder allein in einer barrierefreien Wohnung.

Einen großen Wunsch habe ich aber noch offen – und zwar möchte ich unglaublich gerne wieder in der Gastronomie arbeiten. Das hat mir die letzten Jahre sehr viel Spaß gemacht und fehlt mir sehr! Aber auch da bin ich optimistisch und gespannt, was sich im Jahr 2021 noch entwickelt.

 

Wie hast du dich durch die Krankheit verändert?

Ich schätze meine Familie und Freunde mehr denn je! Sie waren während der schwierigsten Zeit in meinem Leben immer an meiner Seite. Sie stehen bei mir ganz oben auf der Prioritätenliste, alles andere kommt danach, so wie es sein sollte. Das war vorher leider nicht so.

Was sich außerdem verändert hat ist meine Sichtweise auf das Leben und vor allem auch auf mich selbst. Ich war immer sehr selbstkritisch, war mir selbst nie genug, wollte immer besser, hübscher, schlanker etc. sein. Wer mich schon einige Jahre kennt, weiß, dass ich mir oft selbst schwer gemacht habe. Auch mit dem Thema Essstörung musste ich mich jahrelang auseinandersetzen.

 Mittlerweile kann ich mich größtenteils annehmen, wie ich bin. Klar stören mich an manchen Tagen immer noch meine „Problemzonen“, aber ich möchte nicht mehr jemand anders sein oder einen anderen Körper haben oder krankhaft alles dafür tun, dass diese „Problemzonen“ verschwinden. Das wichtigste ist doch die eigene Gesundheit – alles andere ist nebensächlich.

Dazu passt ein Spruch, der mir im Gedächtnis hängen geblieben ist: „Gesunde Menschen haben tausend Wünsche, kranke Menschen nur einen.“

 

Hast du Angst, nochmal an einer Sepsis zu erkranken?

Nein, dass man zweimal an einer so schweren Sepsis erkrankt, ist ziemlich unwahrscheinlich. Trotzdem bin ich jetzt achtsamer, was meinen Körper und meine Gesundheit betrifft.

Bisher hatte ich das Glück, seit der Sepsis bis auf eine Mandelentzündung keine Infekte gehabt zu haben. Ich denke, wenn ich irgendwann mal wieder krank werden sollte (bes., wenn es Grippesymptome sind), werde ich früher zum Arzt gehen und im Notfall, falls ich mich nicht wohl mit dem Gedanken fühle, dies zu Hause auszukurieren, auch direkt ins Krankenhaus gehen.

 

Woher nimmst du die Kraft, so positiv mit der ganzen Geschichte umzugehen?

Das weiß ich manchmal selbst nicht. Bevor ich krank wurde, war ich eher pessimistisch. Und ich konnte auch nicht immer so gut mit der Situation umgehen. Besonders während des ersten Lockdowns ging es mir immer schlechter, ich habe mich nutzlos und unbrauchbar gefühlt und bin in starke Depressionen gefallen. Zeitweise wollte ich auch nicht mehr leben, da das Leben für mich keinen Sinn mehr gemacht hat.

Doch dann habe ich an meine Familie und Freunde gedacht und was sie alles dafür getan haben, dass ich wieder auf die Beine komme und mein Leben bestmöglich leben kann. Das war eine Zeit lang tatsächlich der einzige Grund, warum ich mich nicht ganz aufgegeben habe.

Im Sommer habe ich eine intensive Psychotherapie gemacht, da ich mir immer wieder gedacht habe „Das kann doch nicht alles gewesen sein – ich bin noch so jung, das Leben muss doch irgendwie weitergehen und wieder schön sein.“ Und ich bin sehr froh, dass ich mich darauf eingelassen habe und nun mehr Lebensfreude empfinden kann

 
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